Am 13. August 2026 waren wir bei Freunden in Basel eingeladen, auf den Balkon. Der Tag war heiß gewesen, beim Essen hatte es dann knapp über 30 Grad, dazu Schatten und eine leichte Brise. Von der Hitze blieb an diesem Tisch wenig übrig.
Auf dem Tisch standen Austern mit Limette, Antipasti, eine Caponata, ein Kichererbsensalat mit Kräutern und Hirtenkäse, Brot und ein großes Käsebrett mit Gruyère, Chaume, Selles-sur-Cher, Morbier und Tête de Moine. Dazu kamen drei Weine, die den Abend in Abschnitte geteilt haben: ein Schaumwein aus dem Piemont zum Ankommen, ein Saint-Émilion für die lange Mitte, ein Sauternes zum Schluss.
- Anlass: Private Einladung zum Apéro auf dem Balkon in Basel, 13. August 2026, ohne festes Menü.
- Weine: Tenuta Il Falchetto Alta Langa Blanc de Blancs 2022 Extra Brut, No 3 d'Angelus 2021, Château Romer 2011.
- Stärkster Moment: Der No 3 d'Angelus zu Käse und Caponata, nach 45 Minuten offener Flasche schon vollständig da.
- Gelernt: Süßwein und Nachtisch vertragen sich nacheinander besser als nebeneinander.
Der Rahmen: Ein Tisch ohne Gänge
Ein Apéro hat keine Gänge, die den Ablauf vorgeben. Das Essen steht von Anfang an auf dem Tisch, jeder nimmt sich, was gerade passt, und der Abend sortiert sich selbst. Für Wein ist das entspannter als ein Menü, weil keine Flasche gegen einen bestimmten Teller antreten muss.
Die Aufgabe verschiebt sich dafür. Jeder Wein muss mit mehreren Richtungen gleichzeitig auskommen, mit Salz und Jodigkeit ebenso wie mit süß-saurer Würze und mit dem Fett vom Käsebrett. Das gelingt Weinen mit Frische und wenig Kanten leichter als besonders kräftigen Flaschen.
Aperitif: Alta Langa Blanc de Blancs von Tenuta Il Falchetto
Der Tenuta Il Falchetto Alta Langa „Metodo Classico“ Blanc de Blancs 2022 Extra Brut kommt aus dem Piemont und ist aus Chardonnay vinifiziert. Alta Langa ist die Flaschengärungs-DOCG des Piemont: immer Jahrgangswein, gemacht aus Chardonnay, Pinot Noir oder beidem, und mit langer Hefelagerzeit. Blanc de Blancs bedeutet hier wie in der Champagne, dass ausschließlich weiße Trauben im Wein sind.
In einer Blindverkostung hätte mich dieser Wein vermutlich auf die falsche Fährte gebracht. Er zeigte viele klassische Champagner-Merkmale, nur mit weniger toastigen und briochigen Noten. Die Perlage war sehr fein, der Geschmack mundfüllend und zitronig, und die Hefe blieb ausbalanciert, ohne sich in den Vordergrund zu schieben.
Zu den Austern mit Limette passte das gut: Salz und Säure treffen auf Perlage, und die zitronige Ader hält beides zusammen. Wer Blanc de Blancs aus der Champagne mag und für einen Apéro eine Alternative sucht, findet in Alta Langa eine ernst gemeinte. Der Stil ist nah genug, um vertraut zu wirken, und eigenständig genug, um am Tisch Gesprächsstoff zu liefern.
No 3 d’Angelus 2021: Ein Drittwein nach 45 Minuten Luft
Diese Flasche hatte ich mitgebracht. No 3 d’Angelus ist der Drittwein von Château Angélus, dem bekannten Weingut aus Saint-Émilion auf der rechten Uferseite von Bordeaux, und entsprechend Merlot-geprägt. Gekauft habe ich zwei Flaschen im Herbst 2023 für knapp 40 Euro. Die erste habe ich damals recht bald geöffnet: Der Wein war noch verschlossen, ließ sein Potenzial aber schon erkennen. Das hier war die zweite.
An diesem Abend lief es anders. Die Flasche stand vor dem ersten Glas etwa 45 Minuten offen, und der Wein war sofort zugänglich. Rund und seidig, so wie ein trinkreifer, gut ausgebauter Merlot es verspricht.
In der Nase rote Beeren, Tabak und eine Teernote, die man sonst eher bei Nebbiolo sucht. Diese Idee von Erdbeere, die ich vor drei Jahren notiert hatte, war wieder da. Im Mund kamen Maulbeere, Preiselbeere und Brombeere dazu, dahinter etwas Kräutriges und Blumiges. Der Wein setzte nirgends Widerstand: keine Kanten, nichts zu jung, nichts zu sauer, kein hervorstehendes Tannin.
Zu 45 Minuten offener Flasche gehört eine Einordnung: Durch den Flaschenhals bekommt der Wein kaum Sauerstoff, das ist etwas anderes als Dekantieren. Bei jüngeren, tanninbetonten Bordeaux macht die Karaffe deshalb oft den Unterschied. Hier reichte die Standzeit, und das sagt mehr über den Wein als über die Methode: Ein Drittwein ist auf frühe Zugänglichkeit gebaut, und dieser Jahrgang hat inzwischen die Kanten verloren, die er 2023 noch hatte.
Das macht ihn auch im eigenen Keller nützlich. Der Grand Vin des Hauses liegt bei mir und soll dort bis mindestens 2035 bleiben, ausreichend Geduld vorausgesetzt. Bis dahin ist der No 3 die unkomplizierte Art, diesem Weingut schon einmal zu begegnen.
Zu Käse und Caponata passte er sehr gut. Auf dem Brett lagen zwei Schweizer und drei Franzosen nebeneinander, von Ziegenkäse bis zu gereiftem Hartkäse, und dass ein einzelner Roter damit gleichzeitig klarkommt, ist nicht selbstverständlich; meistens ist es das Tannin, das an Käse aneckt. Hier gab es davon wenig zu verhandeln. Die Caponata bringt Aubergine, Tomate, Oliven und Kapern mit, also Säure, Salz und eine süß-saure Kante. Reife Frucht ohne harten Gerbstoff ist dafür die verlässlichere Antwort als ein kräftiger, junger Wein. Für Tomate als Leitzutat gilt am Herd dieselbe Logik, nachzulesen im Pairing-Guide nach Saucen.
So ein Brett ist auch die günstigste Art, einen Weinabend zu verlängern. Beim Nikolausabend 2025 war das der wichtigste Lerneffekt, und beim Apéro gilt es doppelt: Der Käse ersetzt den Hauptgang, den es hier gar nicht gibt.
Château Romer 2011: Sauternes und die Frage nach dem Nachtisch
Der Château Romer 2011 aus Sauternes war nur noch gut halb voll, als wir ihn geöffnet haben. Angezapft wurde die Flasche zuletzt bei einer Weinprobe zu Weihnachten 2024, damals mit dem Coravin. Dass ein Sauternes nach gut anderthalb Jahren in diesem Zustand aus dem Keller kommt, spricht für beides: für die Methode und für die Haltbarkeit von edelsüßem Bordeaux.
Schon 2024 fiel uns eine deutliche Minznote auf, und sie schwang auch diesmal in der Nase prägnant mit. Im Geschmack war es dann der klassische reife Sauternes: Honig, Orange, leicht nussige Anklänge und ein saftiges Pfirsichkompott, dazu Assoziationen von Milchbrötchen und Kuchen.
Zum Nachtisch gab es Quark mit Beeren und gerösteten Nüssen. Der Wein glänzte unabhängig davon; das Dessert hat ihn eher abgebremst, ohne ihm den Geschmack zu nehmen. Ich habe es dann vorgezogen, erst den Nachtisch aufzuessen und danach zum Sauternes zurückzukehren. Für sich allein war er ein Abenteuer für den Geschmackssinn.
Dieselbe Beobachtung hatte ich schon bei der Sommer-Weinprobe im Juni notiert, ebenfalls zu Quark mit roten Beeren. Zweimal dasselbe Ergebnis reicht mir als Regel für den eigenen Tisch: Ein Dessert mit eigener Süße und eigener Säure macht aus dem Süßwein eine Parallelveranstaltung. Zu Blauschimmel oder gereiftem Hartkäse hat er eine klare Aufgabe, zu Beeren und Quark konkurriert er.
Was ich vom Abend mitnehme
Drei Weine brauchen kein Menü. Die Abfolge von Schaumwein über Rot bis Süßwein trägt einen Apéro genauso gut, solange die Abschnitte lang genug sind.
Alta Langa kommt bei mir ab jetzt auf die Liste, wenn ein Blanc de Blancs gesucht ist und es die Champagne nicht sein muss. Die Machart ist dieselbe, das Aromenbild etwas weniger toastig, die Frische bleibt. Und der No 3 d’Angelus hat gezeigt, wofür ein Drittwein aus einem bekannten Haus taugt: Er läuft über Stunden zu wechselndem Essen mit und verlangt dabei keine Aufmerksamkeit. Knapp 40 Euro sind dafür aus meiner Sicht gut angelegt.
Der Süßwein bekommt beim nächsten Mal seinen eigenen Moment. Erst das Dessert aufessen, dann in Ruhe das Glas.
KORKLESE-Einordnung
Der Abend hat funktioniert, weil jede der drei Flaschen eine eigene Aufgabe hatte und keine davon den ganzen Tisch bedienen musste. Am meisten mitgenommen habe ich vom No 3 d’Angelus, der über Stunden gleich zugänglich blieb, und vom Château Romer, der als eigenwilligster der drei ausgerechnet dann am stärksten war, als er allein im Glas stand.
Für den Rahmen gilt dasselbe wie für die Weine. Schatten, eine Brise und ein Tisch, an dem alles gleichzeitig stehen darf, sind an einem heißen Sommertag der wichtigste Teil der Vorbereitung.



