Diese Weinprobe begann mit einem Tisch im Garten, sommerlicher Wärme und dem angenehmen Luxus, eingeladen zu sein. Am 21. Juni 2026 waren wir bei Freunden zum Dinner. Die Gastgeber bleiben hier bewusst im Hintergrund. Man merkte dem Ablauf an, dass Essen und Flaschen aufeinander abgestimmt waren.
Auf dem Tisch standen Rosé-Champagner, Pinot Grigio aus Südtirol, weißer und roter Burgund, Brunello di Montalcino und Sauternes. Dazu kamen Oliven, getrocknete Tomaten, Olivenöl und Sauerteig-Ciabatta, Spinatsalat mit Radieschen, Burrata und schwarzer Tapenade, zweierlei Quiche, gegrillte Rehkeule mit Kartoffeln, Spargel und Wacholder-Rotwein-Sauce, eine Käseauswahl und zum Schluss Sahnequark mit roten Beeren.
Die sechs Weine hatten eine klare Reihenfolge: Champagner zum Ankommen, zwei Weiße zu Salat und Quiche, zwei Rote zur Rehkeule, Sauternes zu Käse und Dessert.
- Anlass: Private Sommer-Weinprobe am 21. Juni 2026 bei Freunden, mit mehrgängigem Dinner.
- Weine: Philipponnat Rosé Brut, St. Michael-Eppan Sanct Valentin Pinot Grigio 2021, Olivier Leflaive Bourgogne "Oncle Vincent" 2022, Remoissenet Bourgogne Rouge "Renommée" 2019, La Gerla Brunello di Montalcino 2016 und Château Grillon 2016.
- Stärkste Momente: Der Rosé-Champagner als wacher Auftakt, der Vergleich der beiden Weißweine, La Gerla zur gegrillten Rehkeule und Sauternes zum Bleu des Causses.
Der Rahmen: Sommerabend mit Dramaturgie
Bei privaten Weinabenden sortiert man Flaschen schnell nach vermutetem Höhepunkt: erst das Bekannte, dann die wichtigere Flasche, später noch der Süßwein. Hier gab das Essen den Ablauf vor.
Zum Aperitif standen Oliven, getrocknete Tomaten, Olivenöl und Sauerteig-Ciabatta bereit. Danach kamen ein Spinatsalat mit Radieschen, Burrata und schwarzer Tapenade sowie zwei Quiches: eine vegetarisch mit Spinat und getrockneten Tomaten, eine klassisch in Richtung Lorraine mit Schinken und Käse. Zur Hauptspeise gab es Rehkeule vom Grill, medium gegart, mit Kartoffeln, Spargel und einer kräftigen Sauce aus Rotwein, Rinderfond, Wacholderbeeren und Koriandersamen.
Die Reihenfolge war einfach: Schaumwein zum Ankommen. Weißwein zu Frische, Cremigkeit und Salz. Rotwein zu Wild, Sauce und Röstaromen. Käse für die bereits geöffneten Flaschen. Sauternes zu Bleu des Causses, Comté und Dessert.
Aperitif: Philipponnat Rosé Brut
Der Abend begann mit Philipponnat Rosé Brut. Der Champagner bringt nach den Angaben des Hauses 68 Prozent Pinot Noir, 30 Prozent Chardonnay und 2 Prozent Pinot Meunier mit, dazu 9 Gramm Dosage pro Liter. Er wurde im November 2024 degorgiert und lag davor drei bis vier Jahre auf der Hefe. Am Tisch zeigte sich das in Frische, Tiefe und einer leichten Brioche-Note.
Himbeere, eine leichte Grapefruit-Bitternote, feine Perlage, viel Frische und ein leicht rauchiger Ton. Nach dem Schlucken kam der Wein noch einmal zurück. Das gab dem Aperitif genug Zug für Oliven, getrocknete Tomaten, Olivenöl und Ciabatta.
Salz, Fett, Säure und Perlage verstehen sich meistens. Die Bitternote machte hier Sinn, weil getrocknete Tomaten und Oliven genug Griff verlangen. Bitterkeit, Salz und Perlage passten gut zusammen.
Zwei Weißweine: Pinot Grigio und Bourgogne Blanc
Danach standen zwei Weißweine nebeneinander, die beide Holz, Frische und Körper mitbrachten und sehr unterschiedlich wirkten.
Der Sanct Valentin Pinot Grigio 2021 ist ein Südtirol-Alto Adige DOC von der Kellerei St. Michael-Eppan. Für Pinot Grigio war das eine substanzreiche, ernsthafte Interpretation: mineralische Anklänge, Apfel, Birne und deutlich spürbares Holz. Dazu kamen Vanille, geröstetes Weißbrot, Haselnuss und rauchige Nuancen. Das war ein Weißwein mit Substanz über die Frucht hinaus.
Zur Burrata mit Tapenade passte das gut. Burrata braucht Frische und einen Wein, der Cremigkeit aushält. Schwarze Tapenade bringt Salz, dunkle Würze und Olivenbitterkeit. Der Pinot Grigio hatte genug Körper für die Burrata und genug Säure für Kontur.
Der Olivier Leflaive Bourgogne “Oncle Vincent” 2022 hatte für mich mehr Länge und Spannung. Auf dem Etikett steht Bourgogne, nicht Puligny-Montrachet. Der Name Olivier Leflaive bringt trotzdem den Puligny-Kontext mit an den Tisch. Wer verstehen möchte, warum solche Ortsnamen bei Chardonnay im Kopf nachhallen, findet im Reisebericht zur Wanderung von Meursault nach Puligny-Montrachet den landschaftlichen Kontext dazu.
Im Glas hatte der Oncle Vincent mehr Länge, mehr Spannung und ein feineres Mundgefühl als der Pinot Grigio. Apfel, Zitrone, Vanille, Frische und gut eingebundenes Fass standen enger zusammen. Diese Balance macht weißen Burgund oft so reizvoll: Holz, Frucht und Frische greifen ineinander, ohne dass eines davon den Wein dominiert.
Zur Quiche funktionierten beide auf unterschiedliche Weise. Bei Spinat, getrockneter Tomate, Schinken, Käse und Teig braucht Weißwein neben Säure auch Substanz. Der Pinot Grigio war die kraftvollere, rauchigere Variante. Der Oncle Vincent war die elegantere und längere.
Reh vom Grill: Remoissenet und La Gerla
Zur gegrillten Rehkeule standen zwei Rote auf dem Tisch: Remoissenet Père & Fils Bourgogne Rouge “Renommée” 2019 und La Gerla Brunello di Montalcino 2016. Der Unterschied zeigte sich schnell: Der Remoissenet blieb feiner und heller, der Brunello brachte mehr Druck, Kräuter und Tannin.
Der Remoissenet war ein Wiedersehen. Wir hatten ihn schon am 14. August 2021 bei einer vergleichbaren Weinprobe getrunken, damals mit großer Begeisterung. Fast fünf Jahre später war die Erwartung vorsichtiger. Man weiß nie genau, ob eine Flasche aus dieser Gewichtsklasse noch auf dem Punkt ist, schon müde wird oder sich gerade neu sortiert.
Für uns lag sie weiterhin in einem sehr guten Trinkfenster. Himbeere, Erdbeere, Kirsche, dazu feine Vanille und Würze. Der Wein war ausgewogen und hatte genug Frucht für die Sauce. Gleichzeitig blieb er transparent genug, um keine Kraftprobe mit dem Gericht zu suchen.
Der La Gerla Brunello di Montalcino 2016 war der deutlich kräftigere Gegenpart. Der Wein roch intensiv nach Walderdbeeren, Sauerkirschen, Lakritz und Kräutern. Im Mund hatte er Grip und spürbare Tannine, aber sie waren gut eingebunden. Vermutlich halfen die zwei bis drei Stunden Luft und das Dekantieren kurz vor dem Servieren. Sicher half auch das Essen.
Brunello zu Wild liegt nah. An diesem Abend passten Rehkeule vom Grill, Wacholder, Rotwein-Sauce und Sangiovese sehr ruhig zusammen. Der Wein hatte genug Kraft für die Sauce und brachte mit Säure und Kräuterwürze zusätzliche Kontur ins Gericht.
Der Wein wirkte an diesem Abend noch nicht am Ende. Mit genügend Luft und dem richtigen Essen machte er jetzt schon viel Freude. Wie viel zusätzliche Reife ihm noch guttut, bleibt eine Frage für die nächste Flasche.
Käse als eigener Gang
Nach der Hauptspeise kam eine Käseauswahl mit eigener Rolle im Ablauf. Auf dem Käsebrett lagen Selles-sur-Cher, Époisses, ein baskischer Schafskäse, Bleu des Causses, Comté 30 Monate, Tomme de Montagne, Brie de Meaux und Délice de Bourgogne.
Diese Auswahl ist dankbar und anspruchsvoll zugleich. Ziegenkäse, Rotschmierkäse, Schafskäse, Blauschimmel, gereifter Hartkäse, Bergkäse und cremige Weichkäse ziehen Weine in verschiedene Richtungen. Genau deshalb lohnt Planung. Beim Nikolausabend 2025 war Käse schon einer der wichtigsten Lerneffekte: Wenn er bewusst gewählt ist, verlängert er einen Weinabend über den Hauptgang hinaus.
Der Selles-sur-Cher passte gut in Richtung Pinot Grigio: Säure, Mineralität und Ziegenkäse fanden schnell einen gemeinsamen Ton. Époisses profitierte vom Oncle Vincent und vom Bourgogne Rouge, weil Cremigkeit, Würze und Reife mehr Gegengewicht brauchen. Der baskische Schafskäse funktionierte mit den beiden Roten, Tomme de Montagne besonders mit dem Remoissenet.
Der stärkste Käsemoment kam mit dem Süßwein.
Sauternes: Château Grillon 2016 zum Schluss
Der Château Grillon 2016 aus Sauternes wurde zum Käse und später zum Sahnequark mit roten Beeren gereicht. Der Wein wird aus Sémillon, Sauvignon und Muscadelle gemacht. Im Glas wirkte der Wein viskos, kühl und bernsteinfarben. Aromatisch kamen Honig, Aprikose, spürbare Süße und genug Säure, um schlank zu bleiben.
Zum Bleu des Causses war das die klassische Verbindung aus Salz und Süße. Der Blauschimmel zieht den Wein aus der Dessertschublade, der Sauternes nimmt dem Käse die Schärfe und gibt ihm Länge. Auch Comté 30 Monate passte, weil gereifter Hartkäse mit Nussigkeit, Salz und dichter Textur viel besser mit Süßwein umgehen kann, als man beim ersten Gedanken an “Dessertwein” vermuten würde.
Zum Sahnequark mit roten Beeren fand der Sauternes einen ruhigen, wenn auch weniger zwingenden Schluss. Die Beeren brachten Säure und Frucht, der Quark Frische und Fett, der Wein Honig und Aprikose. Nach Champagner, zwei Weißweinen, zwei Rotweinen und Käse hätte das leicht zu viel werden können. Kühle Temperatur und präsente Säure hielten den Schluss leicht genug.
Was ich für private Weinproben mitnehme
Erstens: Ein guter Ablauf ist wichtiger als die größtmögliche Flasche. Die Weine dieses Abends waren ernsthaft und hatten am Tisch jeweils eine klare Aufgabe.
Zweitens: Zwei Weißweine nebeneinander lohnen sich besonders, wenn sie genug Gemeinsamkeit für den Vergleich und genug Unterschied für Spannung mitbringen. Der Pinot Grigio aus Südtirol und der Bourgogne von Olivier Leflaive waren genau so ein Paar: beide mit Körper und Holz, dazu mit anderer Herkunft, anderer Textur und anderer Eleganz.
Drittens: Brunello zu Wild ist naheliegend und bekam durch Kräuter, Wacholder und eine kräftige Sauce genug Reibung. Sangiovese kann in so einem Moment sehr schön zwischen Druck und Frische vermitteln.
Viertens: Käse verdient Vorbereitung. Käse und Wein verändern sich gegenseitig; manche Kombinationen öffnen den Abend, andere stumpfen ihn ab. Eine bewusst zusammengestellte Auswahl kann den Käsegang noch einmal groß machen.
Und fünftens: Süßwein lebt von einer konkreten Aufgabe am Tisch. Sauternes wirkt am besten mit Blauschimmel, gereiftem Hartkäse oder einem Dessert, das selbst nicht zu süß ist. Dann kann ein Dessertwein einen sehr klaren Schlussakkord setzen.
Bei dieser Sommer-Weinprobe trug vor allem der Ablauf: Rosé-Champagner zum Ankommen, zwei Weißweine als Vergleich, Burgund und Brunello zur Rehkeule, Sauternes zu Käse und Dessert. Der Philipponnat Rosé öffnete den Abend, der Olivier Leflaive hatte bei den Weißweinen mehr Länge und Spannung, La Gerla passte am stärksten zur Rehkeule, und Château Grillon zeigte zum Bleu des Causses, wie gut Sauternes Säure, Salz und Süße zusammenbringen kann.



