Zu Finca Biniagual hat uns eine Blindprobe gebracht: ein Wein, der an einem Abend unter Freunden plötzlich mehr Aufmerksamkeit bekam als alles andere auf dem Tisch.
Im April 2021 saßen wir auf Mallorca zusammen und probierten mehrere lokale Weine: ein Abend mit Gläsern auf dem Tisch, ein paar Notizen und der angenehmen Unordnung, die entsteht, wenn mehrere Menschen gleichzeitig neugierig sind. Zwischen den Flaschen blieb ein Wein hängen: Verán von Finca Biniagual. Dunkle Frucht, Würze, genug Wärme für Mallorca, und dabei ohne die müde Schwere, die Rotwein auf der Insel schnell bekommen kann, wenn er zu ambitioniert in Richtung Kraft marschiert.
Ein paar Tage später sind wir hingefahren, aus einem einfachen Grund: Wenn ein Wein am Tisch so deutlich nachwirkt, möchte ich wissen, woher er kommt.
- Anlass: Eine Blindprobe im April 2021 führte zu einem spontanen Besuch bei Finca Biniagual in der DO Binissalem auf Mallorca.
- Stärkster Wein: Verán 2017 blieb damals am deutlichsten hängen und entwickelte sich bis zur letzten Flasche im April 2026 überzeugend weiter.
- Für wen passt das? Für Mallorca-Reisende, die auf der Insel auch die Weinseite entdecken wollen und rund um Binissalem einen ruhigen, gut organisierten Weingutsbesuch suchen.
- Wichtige Einschränkung: Die Eindrücke stammen aus 2021 und 2022. Aktuelle Jahrgänge, Verfügbarkeiten und Besuchsbedingungen bitte vor Ort prüfen.
Binissalem: Mallorca jenseits von Strandwein
Binissalem liegt im Inselinneren, grob zwischen Palma und Inca, mit der Tramuntana als großer Kulisse im Norden. Wer Mallorca nur als Sommerbild aus Strand, Salz und Aperol kennt, unterschätzt diese Seite der Insel. Hier ist Wein ernsthafte regionale Kultur.
Die DO Binissalem ist vor allem mit lokalen Sorten verbunden. Bei Rotwein fällt schnell der Name Mantonegro, oft auch Manto Negro geschrieben. Dazu kommen unter anderem Callet und Gorgollassa. Bei Weißwein spielt Prensal Blanc, auf Mallorca häufig Moll genannt, eine wichtige Rolle. Internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah, Chardonnay oder Muskateller stehen ebenfalls in den Weinbergen und tauchen in vielen Cuvées auf.
Das ist für Mallorca typisch interessant: Die Weine erzählen selten nur eine einzelne, puristische Rebsortengeschichte. Oft treffen lokale Sorten auf internationale Strukturgeber. Das funktioniert nicht automatisch; wenn die Sorten nur nebeneinanderstehen, fehlt dem Wein schnell die Richtung. Es kann aber sehr sinnvoll sein, wenn Mantonegro Frucht und Inselcharakter gibt, Cabernet oder Syrah etwas Rückgrat einziehen und das Ganze nicht auseinanderläuft.
Der erste Eindruck auf der Finca
Finca Biniagual wirkt wie ein historisch gewachsener Ort. Die Anlage war bei unserem Besuch gepflegt, ruhig und deutlich professioneller organisiert, als man es bei einem spontanen Vorbeifahren vielleicht erwartet. Moderne Proberäume, ein Garten, freundlicher Empfang, alles ohne aufgesetztes Theater.
Wir konnten verschiedene Weine gegen einen kleinen Betrag pro Probierglas probieren. Das fand ich vollkommen in Ordnung. In vielen Weinregionen ist eine Probe längst eingepreist oder wird über den späteren Einkauf verrechnet. Auf Mallorca, wo Weintourismus und normaler Urlaubsverkehr ineinanderlaufen, ist eine klare, faire Probierlogik eher angenehm: Man weiß, woran man ist, und niemand muss so tun, als sei Zeit, Glas und Service kostenlos.
Besonders gut in Erinnerung geblieben ist mir die Balance aus Gastfreundschaft und Struktur. Der Empfang war herzlich und blieb dabei sachlich. Der Service war professionell, ohne steif zu werden. Das ist eine gute Kombination für Menschen, die Wein ernst nehmen möchten und im Urlaub trotzdem keine Prüfungssituation suchen.
Die Weine der Probe
Die folgenden Eindrücke stammen aus dem Besuch und den Flaschen rund um 2021 und 2022. Wer heute hinfährt, sollte aktuelle Jahrgänge, Verfügbarkeit und Besuchsbedingungen neu prüfen.
Memories Blanc 2019
Der Memories Blanc 2019 bestand aus 55 Prozent Prensal, 30 Prozent Chardonnay und 15 Prozent Muskateller. Er wirkte fruchtig-frisch: Zitrone, weiße Blüten, gut eingebundene Säure, ein leichter Abgang. Kein Wein, der am Tisch die große Rede hält, eher einer, der den Nachmittag zusammenhält.
Gerade im mallorquinischen Frühsommer ist ein Weißwein wertvoll, der nicht zu parfümiert, nicht zu alkoholisch und nicht zu ehrgeizig wirkt. Der Memories Blanc stand niemandem im Weg. Man konnte ihn gut trinken, ohne nach jedem Schluck das Glas zu analysieren.
Red Ice 2018
Der Red Ice 2018 war ein heller, leicht gekühlter Rotwein aus Mantonegro, Syrah und Cabernet Sauvignon. Erdbeere, Kirsche, viel fruchtige Frische, fast ein wenig bowlehaft. Das ist kein Begriff, den ich abwertend meine. Es gibt Weine, die genau dann stark sind, wenn sie nicht so tun, als müssten sie einen Kaminabend im November tragen.
Leicht gekühlt funktioniert so ein Rotwein als Aperitif oder als Glas zwischendurch an heißen Tagen. Gerade Leser, die Rotwein im Sommer oft zu schwer finden, können aus solchen Weinen etwas mitnehmen: Temperatur ist kein Nebendetail. Ein paar Grad weniger können aus einem warm wirkenden Rotwein einen sehr brauchbaren Sommerwein machen.
Verán 2017
Der Verán 2017 war der Grund, aus dem dieser Besuch überhaupt passiert ist. Die Cuvée kam mit 40 Prozent Mantonegro, 30 Prozent Cabernet Sauvignon, 25 Prozent Syrah und 5 Prozent Merlot ins Glas. Schwarze Kirsche, Brombeere, Pflaume, Pfeffer, Schokolade, Vanille. Das liest sich dicht, und der Wein war auch dicht, ohne zu erschlagen.
Das war für mich der entscheidende Punkt. So viel Frucht und Geschmack auf einmal kann schnell anbiedernd werden. Beim Verán hatte ich damals den Eindruck, dass genug Säure und Tannin dagegenhalten. Die Tannine waren angenehm, die Säure lebendig, die Wärme gut eingebunden. Ein Wein, der vielen Menschen gefallen kann, ohne banal zu sein.
Ich verstehe trotzdem, wenn jemand diesen Stil zu viel findet. Wer sehr kühle, schlanke Rotweine sucht, wird hier nicht plötzlich seine neue Heimat finden. Der Verán ist ein mallorquinischer Rotwein mit dunkler Frucht, Würze und spürbarer Fülle. Nur eben einer, der nicht plump wurde. Am besten gefiel er mir leicht unter klassischer Zimmertemperatur. Zu warm verliert er Spannung.
MantoNegro 2017 und Gran Veran
Der MantoNegro 2017 hat uns an diesem Tag nicht überzeugt. Der Wein wirkte auf uns nicht ganz balanciert und blieb hinter den anderen Flaschen zurück. Für ein größeres Urteil war dieser eine Eindruck zu schmal, deshalb belasse ich es bei dieser Beobachtung.
Beim Gran Veran, vermutlich aus dem Jahrgang 2016, war der Eindruck komplexer. Dicht, ernsthafter, weniger unmittelbar fruchtig als der Verán. Man konnte schmecken, dass hier mehr Tiefe angelegt war. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass der Wein in diesem Moment noch Zeit gebraucht hätte. Im warmen Tapas- und Urlaubssetup der Probe wirkte er nicht vollständig an seinem Platz.
Das ist eine wichtige Unterscheidung: Ein Wein kann objektiv ambitionierter sein und trotzdem in einer konkreten Situation weniger Freude machen. Gerade auf Reisen entscheidet neben der Qualität auch die Passung. Sitzt man im Garten, probiert mehrere Weine, denkt schon ans Abendessen und an den Rückweg, ist ein dichter, noch junger Spitzenwein nicht automatisch der Gewinner.
Die Rückkehr 2022: Der kleine Bruder passt
Im April 2022 waren wir wieder dort und probierten die aktuellen Weine. Für den Jahrgang 2018 wurde nach meiner Erinnerung kein Verán produziert. Stattdessen gefiel uns der Negre 2018 besonders gut. Er wirkte wie der kleinere Bruder des Verán: weniger Anspruch auf großes Format, dafür sehr stimmig in dem, was er sein wollte.
Vielleicht lag es nahe, dass Trauben oder Partien, die sonst in den Verán hätten gehen können, in diesem Jahrgang anders eingesetzt wurden. Das ist eine plausible Vermutung aus der Verkostung, kein Kellerprotokoll. Entscheidend war am Ende einfacher: Der Wein schmeckte uns, und wir haben zwei Kisten mitgenommen.
Solche Käufe sind manchmal die besten Reiseandenken: ein Wein, der zuhause noch ein paar Abende lang den Urlaub verlängert.
Die letzte Flasche Verán 2017
Die letzte Flasche Verán 2017 haben wir im April 2026 geöffnet. Fünf Jahre nach dem ersten Besuch ist das ein schöner Test: War das nur Urlaubsbegeisterung, oder hatte der Wein genug Substanz, um zuhause und mit Abstand weiter zu funktionieren?
Er funktionierte. Die dunkle Kirsche war noch da, auch Brombeere, Kakao und Vanille. Dazu kamen reifere, wärmere Noten. Der Wein wirkte gesetzter als früher, ohne müde zu sein. Der Abgang war lang genug, dass man nicht sofort wieder zum Glas greifen musste. Das ist meistens ein gutes Zeichen.
Wir haben ihn erst am Lagerfeuer und später zum Abendessen getrunken. Das passt zu diesem Wein besser als ein zu ehrfürchtiger Rahmen. Er hat genug Dichte, um Aufmerksamkeit zu bekommen, und verträgt trotzdem Lagerfeuer und Alltagstisch.
Für mich war das die beste Bestätigung des damaligen Eindrucks. Der Verán war über den Urlaub hinaus charmant. Er hatte genug Struktur, um ein paar Jahre Flaschenreife sinnvoll zu tragen. Ob ich ihn noch deutlich länger gelagert hätte? Ich hatte befürchtet, er würde nicht mehr so lange machen. Aber 2026 war er in sehr guter Form.
Für wen sich Finca Biniagual lohnt
Finca Biniagual lohnt sich für Menschen, die auf Mallorca ohnehin im Inselinneren unterwegs sind und Wein als Teil der Reise verstehen. Wer nur schnell irgendeine Flasche für den Balkon sucht, findet überall etwas. Wer sehen möchte, wie mallorquinischer Wein zwischen lokalen Sorten, internationaler Cuvée-Logik, gepflegtem Besuchserlebnis und moderner Präsentation funktioniert, bekommt dort einen sehr guten Anknüpfungspunkt.
Spektakulär ist das falsche Wort für diesen Besuch. Alles war angenehm ruhig und gut gemacht. Ein Ort, an dem man merkt: Hier weiß jemand, wie man Wein und Gäste zusammenbringt.
Für eine kurze Weinreise ab Köln bleibt die Ahr natürlich näher; dazu habe ich einen eigenen Text über Rotweinwanderweg, Spätburgunder und einen ruhigen Wochenendplan an der Ahr geschrieben. Mallorca ist eine andere Kategorie. Man fährt nicht mal eben für eine Probe hin. Aber wenn man ohnehin dort ist, lohnt sich der Abzweig ins Inselinnere.
Ein ganz anderer Reisebaustein ist mein Besuch bei Château de La Chaize im Beaujolais, bei dem weniger Inselgefühl und mehr der Kontrast zwischen Burgund, Beaujolais, Schlossgarten und Gamay im Vordergrund stand.
Finca Biniagual ist für mich mit konkreten Momenten verbunden: Blindprobe, spontaner Besuch, freundlicher Empfang, spätere Flaschen zuhause. Der Verán bleibt dabei der stärkste Anker, besonders wenn man dunkle, würzige Rotweine mag, die nicht zu warm serviert werden sollten.



